Zwischen Kicken und Oppen
Lustiges/Sinnloses
Tags: IRC, Medien, witzischHach, durch eine kleine Unterhaltung im IRC grade ist mir wieder ein schöner Artikel aus einer alten c’t eingefallen. Der Artikel hat zwar mittlerweile auch schon seine zwei Jahre auf dem Buckel, ist aber nach wie vor aktuell und trifft erstaunlich den Nagel auf den Kopf:

Kathrin Passig, Ira Strübel
Zwischen Kicken und Oppen
Vom IRCer in seiner natürlichen Umgebung
Fernab der dicht besiedelten Favelas von AOL, jenseits der Toristenzentren von Yahoo fristet der IRCer sein Dasein in geheimnisvollen, für den Normal-User kaum einsehbaren Reservaten
Der IRCer ernährt sich hauptsächlich von Sozialkontakten und geistreichen Bemerkungen oder, je nach Alter und Geschlecht, auch von Beavis-and-Butthead-Lauten und Mann-deine-Eltern-sind-ja-krass-Ausrufen der Peergroup. Auffällig ist zunächst, dass er den Komfort liebt und ihn jederzeit dem bunten Glitter und Tand des Web-Chats vorzieht.
Nutzer, die mit Comic-Chat-Clients den Weg in den IRC finden und sich durch ein # Appears as Hasenpuschel verraten werden sofort als Feind identifiziert und mit rüden Worten verjagt: “Besorg dir erstmal nen anständigen Client.” Denn obgleich die meisten IRCer friedfertige Wesen sind, legen sie doch eine gewisse Strenge gegenüber den unnützen Auswüchsen anderer Echtzeitkommunikationsformen an den Tag.
0 KByte Logfiles: Der Newbie
Das unterste Glied in der Nahrungskette ist sicherlich der Newbie. Dieses possierliche Geschöpf tut grade seine ersten Schritte im IRC und stakst auf der Suche nach einer Heimat recht wackelig durchs Gelände. Seine Ausdrucksfähigkeiten sind stark begrenzt: Hallo! Hallooooo!!!! Jemand daaaaa!!!? Will jemand chatten!!!?? Es kann ein IRC-Netz nicht vom anderen unterscheiden und ist schon mit einem einfachen /m-Befehl überfordert. Überhaupt geht ihm alles zu schnell, und während es noch langsam und fehlerhaft seine Beschwerde darüber (macht dohc mal langsam ! ichkomm ja ganricht mit!) formuliert, sind die anderen längst drei Themen weiter.
In der Regel ist IRC für den Newbie der erste Ausflug in eine Welt jenseits des vorinstallierten Standard-Browser. Als Folge der ALT-F4-Scherze, mit denen man ihm anfangs sein enthusiastisches Troutslapping vergilt, vermutet er bald hinter jedem Netsplit eine persönlich gegen ihn gerichtete Boshaftigkeit oder den Verfassungsschutz. Häufig glaubt er, dass jeder seine Queries mitlesen kann, ganz sicher aber der IRCop. Nur mit Mühe kann man ihn davon überzeugen, dass er nicht einem unterdrückerischen Regime von Netzfaschisten zum Opfer gefallen ist, wenn seine freenet-Verbindung abbricht. Wird er dagegen gekickt, so denkt er sich nichts dabei und kehrt (gerne mit auto-rejoin) in den Channel zurück, um unbeirrt weiter zu nerven als sei nichts geschehen.
Seine Paranoia wird unterstützt durch die Tatsache, dass jederman ihn sofort wiedererkennt – auch wenn er den Channel verlässt, um unter dem Namen “Fiekmich” wieder reinzukommen – weil er folgsam überall Name, E-Mail- und Postadresse eingetragen hat. FAQs und die Auseinandersetzung mit Technik ist ihm fremd, von /whois hat er noch nie gehört. Das hindert ihn allerdings nicht daran, schon nach wenigen Minuten um Ops zu betteln.
Überlebt allerdings der Newbie die gefährlichen ersten Tage im IRC ohne größeres emotionales Trauma, wird er alsbald flügge. Binnen weniger Tage und ohne große Übergangsphase stellt er seinen anfänglichen Gesang: Wie, das ist es also jetzt? Das findet ihr alles so toll? Gähn! ein. Jetzt beginnt seine Entwicklung zum ausgewachsenen Süchtigen.
2 MByte Logfiles pro Monat: Der Süchtige
Der Süchtige hat seinen Platz im IRC gefunden. Die Belegschaft seiner Stamm-Channel kennt ihn, er kennt sie und man begrüßt sich bei jedem Join schwanzwedelnd (sofortiges mehrfaches Oppen) und unter Aufwendung erheblicher sozialer Interaktion und sprachlicher Verbrechen:
<sabse> Hiiiii Loits!!!!
<flupsi> Sabsiii!!! *knewddlfroi*
<onko> Sabse! Gerade hab ich an dich gedacht! Wie gehts deinem Zeh?
Eine Gleichsetzung des Stamm-Channels mit dem eigenen Wohnzimmer ist in diesem Stadium ebenso weit verbreitet wie das schlechte Abschneiden der Kohlenstoff-Community im Direktvergleich mit der IRCGemeinschaft.
Konsequenterweise transportiert der Süchtige seine IRC-Erfahrungen ins richtige Leben, so gut es geht. In seinem Handy sind die Nummern von Pornoigel, L33TY und Doomdog gespeichert. Die Vornamen seiner Freunde fallen ihm erst nach einigem Nachdenken ein, ihre Nachnamen hat er nie gehört. Auch die Paarungsrituale des Süchtigen können mit etwas Geduld online verfolgt werden. Wenn das Männchen im Channel sein Gefieder spreizt, entlockt das dem Weibchen schon mal ein *total freu*. Stellt sich die so gefügte Paarung als nicht von Dauer heraus, wird online gestritten und geschmollt, und der ganze Channel leidet mit. Verläuft die Paarung dagegen erfolgreich, lassen die beiden ihre Hochzeit per Live-Stream ins Internet übertragen, damit alle Freunde teilnehmen können. Danach werden sie aber nur noch selten im IRC gesehen. Es sei denn, sie haben zu Hause mehrer Rechner laufen, an denen sie online diskutieren, wer sich denn jetzt /away melden muss, um den Kindern Essen zu machen.
Die meisten IRC-Nutzer haben mit dem Heranwachsen zum Süchtigen ihr Potential bereits ausgeschöpft. Ist dem Nutzer allerdings eine gewisse Coolness angeboren und verfügt er darüber hinaus über genügend IRC-Jahre und Unix-Wissen, kann er zur Lichtgestalt des IRC werden: dem Profi.
5 MByte Logiles pro Monat: Der Profi
Die einsilbige Quitmessage des Profis bekommt man nur selten zu sehen, denn er loggt sich bestenfalls dann aus, wenn der Rechner brennt. Wenn das geschieht, rennt er ins nächste Internet-Café, um sich von dort am stets mitlaufenden Shell-Client einzuloggen. Der Profi ist ausgesprochen sesshaft und bewohnt meist schon seit vielen Jahren die gleichen Stamm-Channels. Ob er tatsächlich anwesend ist oder nicht, erkennt man erst nach vielen Stunden geduldiger Beobachtung, denn er meldet sich lediglich zu Wort, wenn es unbedingt sein muss. Dann sagt er hm hmm oder lässt sich bei Bedarf dazu herab, einen nervenden User mit drei Worten zu Kleinholz zu flamen; seine zwei Tippfehler pro Jahr korrigiert er mit Regular Expressions. Umlaute benutzt er nie. Nicht weil das nicht ginge – nein, er zeigt damit, dass er aus einem Land vor unserer Zeit stammt.
Seine Freunde begrüßt er etwa dreißig Minuten nach deren Join mit einem grimmigen *grunz* oder einem unterkühlten F***en. Wenige Auserwählte opt er gelegentlich, wenn auch widerwillig. Er kennt alle IRCops persönlich, würde aber nie auf die Idee kommen, einen von ihnen bei Problemen um Hilfe zu bitten.
Während der Süchtige seinen Urlaubsort nach der Verfügbarkeit von Internet-Cafés auswählt, muss sich der Profi um dergleichen nicht kümmern: sein Client logged sowieso weiter. Manch einer soll sich schon jahrelang von einem fähigen Bot vertreten lassen haben, ohne dass es weiter aufgefallen wäre. Wenn seine biologische Hardware dereinst versagt, wird man es erst bemerken, wenn er im Query nicht mehr auf Anfragen zu Feinheiten seiner bevorzugten Programmiersprache reagiert. Seine Grabinschrift lautet.” Hatifnatt has quit RL (Leaving)”. (hob)
Ira Strübel und Kathrin Passig haben sich seit Mitte der Neunziger nur selten aus dem IRC ausgeloggt. Ihre Kolumne “Strübel & Passig” erscheint alle 14 Tage in der Internet-Rubrik der taz
Gefunden in c’t 09/2003 – Seite 230/231


Wie? hier gibt’s noch Leser die noch nie was vom IRC gehört haben. Ja dann, aber ab zu Linux User und in der aktuellen Ausgabe nach den IRC Grundlagen geschaut

