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WM 2006Eine weitere Nachbetrachtung muß auch nach dem gestrigen Spiel gegen Italien folgen. Wieder einmal fuhr das ZDF die größte Waffe im Kampf gegen einen unterhaltsamen Fußball-Abend auf: Bélà Rhéty durfte das Halbfinal-Spiel der Deutschen wieder einmal kaputt moderieren. Wie immer waren es zwei grundverschiedene Spiele, die der allgemein bekannt und beliebte ZDF-Kommentator und ich gesehn haben. Wie immer wurde schon in der fünften Minute mit der Spielanalyse begonnen, dessen Quintessenz sich bis zum Ende nach 120 Minuten im Sekundentakt änderte. Wie immer wurde Deutschland aus dem Tunier geredet, wie immer haben wir schlecht gespielt. Wann kommt die Euphorie eigentlich in den Kommentator-Kabinen an? Nie mehr? Ich kann es echt nicht mehr hören, mir graut jetzt schon vor dem ersten Kick nach der Fußball-WM und den dann abgegebenen Kommentaren.
Statistisches
Deutschland:
1 Lehmann – 3 Friedrich, 17 Mertesacker, 21 Metzelder, 16 Lahm – 5 Kehl, 19 Schneider (83. 22 Odonkor), 18 Borowski (73. 7 Schweinsteiger), 13 Ballack – 11 Klose (111. 10 Neuville), 20 Podolski
Italien:
Buffon – Zambrotta, Cannavaro, Materazzi, Grosso – Camoranesi (91. Iaquinta), Pirlo, Gattuso, Perrotta (104. Del Piero) – Totti, Toni (74. Gilardino)
Tore:
0:1 Grosso (119.)
0:2 Del Piero (120.)
Gelbe Karten:
Borowski, Metzelder – Camoranesi
Zuschauer:
65000 (ausverkauft) – FIFA-WM-Stadion Dortmund
Das Spiel
Die beiden Teams begannen das Spiel überraschend eher offensiv ehe sich auch die Nervösität legte und die Mannschaften sich den taktischen Vorgaben besannen. Obwohl im Mittelfeld deutlich mehr Platz den Teams zur Verfügung stand, als es zwischen Deutschland und Argentinien der Fall war konnten sich beide Offensivreihen nicht entscheidend in Szene setzen. Die Italiener hatten zwar mehr Spielanteile, wirkten aber in der Spielweise ideenlos im Angriff. Die Deutschen waren engagiert, störten die Italiener früh und zwangen sie zu Konzentrationsfehler aus denen einige Angriffe hervor gingen, die letztlich in dem starken italienischen Deckungsverbund verpufften.
In der zweiten Hälfte fanden die Deutschen immer mehr ins Spiel, da sich die Italiener zunehmend zurück zogen. Aus der zweiten Hälfte stammen dann auch die einzigen, zu vermeldenden Großchancen von “Klose” und “Podolski“, die beide am starken italienischen Torwart “Buffon” scheiterten. Chancen auf Seiten der Italiener fanden gar nicht statt oder die Angreifer verranten sich in der gut funktionierenden Abseitsfalle der Deutschen.
Die Verlängerung begann mit zwei Aluminium-Treffer der Italiener. Erst traf “Gilardino” nur den Pfosten, ehe im zweiten Versuch “Zambrotta” einen Distanzschuß zu genau an die Latte schoß. Danach konnte die deutsche Mannschaft wieder ins Spiel finden. Letztlich wirkte nach 105 Minuten die Partie nach wie vor ausgeglichen. In der zweiten Hälfte der Verlängerung erhöhten die Italiener nochmals den Druck um einem Elfmeterschießen gegen die Deutschen aus dem Wege gehen zu können. Erst nach 119 Minuten erlaubte sich der deutsche Deckungsverband den ersten, aber entscheidenden Fehler seit dem zweiten Gegentor Costa Ricas und “Grosso” konnte unhaltbar für “Lehmann” zur 1:0 Führung einschießen. Danach mußte Deutschland natürlich nochmal alles nach vorne werfen um einen schnellen Ausgleich zu erzielen. Dies eröffnete eine Konterchance der Italiener, die diesmal “del Piero” zum unverdient hohen 2:0 Endstand abschloß.
Weisheiten
Wieder einmal konnte Deutschland in einer WM-Endrunde die Italiener nicht bezwingen. Eigentlich sah ich, vor allem in der zweiten Hälfte ein Übergewicht der Deutschen, die es eher verdient hätten in das Finale einzuziehen. Zumal auch rückblickend auf den bisherigen Tunierverlauf im gestrigen Spiel nicht die entschieden bessere Mannschaft weiter gekommen ist. Für das letztlich grandiose Tunier bisher kann man sich aber an dieser Stelle auch nichts mehr kaufen, so bleibt zu hoffen, daß in einem weiteren, schweren Spiel vielleicht zur Ehrenrettung der dritte Platz sicher gestellt wird. Vielleicht war es 2006 noch zu früh für dieses Team das noch sehr jung ist und in den letzten zwei Jahren aus ihren Fehlern, vor allem im defensiven Bereich gelernt zu haben scheint. Ohne einen “Lahm” oder “Frings“, wie sie zur Zeit in Form sind, wären wir vermutlich noch nicht mal so weit gekommen. So gehört aber Deutschland diesmal zu Recht nach dem schmeichelhaften Finaleinzug 2002 zum zweiten Mal in Folge zu den vier besten Teams der Welt. Das sollte in Hinblick auf die anstehende EM-Qualifikation, sowie die EM 2008 und letztlich in ferner Zukunft die WM 2010 eigentlich genug Selbstvertrauen geben um dieses Team weiter wachsen zu lassen. So kaputt geredet, wie der Fußball nach dem Vorrunden-Aus 2004 wurde, war er in Deutschland scheinbar nicht. Das Spielerpotential scheint vorhanden zu sein und aus einer erfolgreichen U21 rückt weiter talentierter Nachwuchs nach.
Dennoch .. ein bißchen schlecher Verlierer muß ich an dieser Stelle doch spielen: Der Schiedsrichter machte in meinen Augen leider einen schwächeren Eindruck als im Viertelfinale Lubos Michel. Viel zu viele Nicklichkeiten lies er durchgehen, die letztlich in einem nicht geahndeten Foul von Hinten an “Borowski” gipfelten. Gerade diese extreme Härte, die oftmals in Fouls endete vom italienischen Mittelfeld hätte man klarer unterbinden müssen. Ob das Handspiel im Strafraum von einem Italiener zu einem Strafstoß hätte führen müssen sei dahin gestellt, vielleicht war es ganz gut so, so konnte man davon ausgehen, daß der Schiedsrichter zumindest bei den schmerzverzerrten Darstellungen der sonst so knüppelharten Italiener im deutschen Strafraum nicht auf den Punkt zeigte. Weiterhin war die Freistoß-Entscheidung kurz vor Ende der ersten Halbzeit eine klare Fehlentscheidung: Wenn der Schiedsrichter den Zweikampf als Foulspiel des Italieners wertet, dann muß er auch den Elfmeter geben. Die Szene fand klar im Sechzehner statt, so verlegte Archundia Tellez den Ort des Geschehens über fünf Meter weiter vom italienischen Tor weg. Das ändert aber letzten Endes nichts an der Tatsache, daß die Deutschen zu keiner Zeit wirklich nah am Torerfolg waren. So ist das bittere Gesetz nun einmal: Wer keine Tore schießt kann auch kein Spiel gewinnen.
Auch wenn wir jetzt nicht mehr Weltmeister werden können, alle “Hochrechnungen” dahin sind und der Aberglaube gewichen ist, so war es eine tolle Leistung, ein tolles Tunier, was hoffentlich mit einer weiteren tollen Leistung am Samstag Abend erfolgreich abgeschlossen wird. Wie ich hörte singen sogar die Sportfreunde Stiller schon jetzt: ’54 – ’74 – ’90 – 2010