Tags: Bahn, NahverkehrZur Zeit stellt man sich selbst häufiger die Frage: “Warum tust Du Dir das eigentlich an?” Einem modernen Arbeitnehmer, der flexibel und mobil sein muß, ist es bekanntlich egal ob Hamm, Hamburg oder Dortmund die Arbeitsstätte ist, hin kommt man immer. Man gibt dafür höchstens “Freizeit” auf, die sowieso nur “sinnlos verplempert” werden würde. Der ein oder andere mag es sich schon denken, es geht um mein leidliches Lieblingsthema: Der Pendler gefangen im öffentlichen Nahverkehr.
Die Nachteile liegen offensichtlich auf der Hand – kleinste Abweichungen vom “Normalzustand” in Form von Wind und Wetter, Schnee oder Regen, Baustellen oder Umleitungen kommen urplötzlich und können auch durch intensives Krisenmanagement nicht überbrückt werden. Und mit kleinsten Abweichungen meine ich Tatsächlich allerkleinste Abweichungen. Witterungsbedingungen, wie wir sie im Moment erleben sind dagegen schon mittlerer Katastrophen.
Es ist eigentlich irgendwo aberwitzig, daß man als Pendler schon die “obligatorischen” Verspätungen im Nahverkehr, ganz gleich ob Bus, S-Bahn oder Regionalverkehr, in seine An- und Abfahrt mit einplant. Die mit viel Ideenreichtum ausgeknobelten Fahrpläne der Verkehrsbetriebe können genauso gut ökologisch sinnvoll eingestampft werden. Das schont Ressourcen, Papier und vor allem Personal, welches seinen in Fahrplanänderungen bewiesenen Einfallsreichtum ebenso gut bei der Suche nach neuen Arbeitsstellen unter Beweis stellen könnte. Gegenüber den Aushängen und Abfahrzeiten von Nahverkehrbetrieben sind Recherchen der BILD-Zeitung quasi direkt an der Wahrheit.
Man muß sich durchaus vor Augen halten, daß man als Pendler des öffentlichen Nahverkehrs ohne die Möglichkeit auf Individualverkehr den Verkehrsbetrieben ausgeliefert ist. Man ist schlicht und ergreifend abhängig. Es gibt nunmal keine andere, schnelle Alternative zum verspäteten Regionalexpress, wenn man bei -5°C in Dortmund am Hauptbahnhof steht und nach Hamm kommen muß. Der geübte Pendler mag sich innerhalb eines Stadtgebiets vielleicht noch fuchsig durch die verschiedenen Alternativen hangeln, spätestens bei der Überbrückung größerer Distanzen ist dem aber ein Ende gesetzt.
Wenn wegen einer “Weichenstörung” ausnahmslos alle Züge aus dem Ruhrgebiet in Richtung Ostwestfalen Verspätung haben etwas außerfahrplanmäßig den Bahnhof erreichen*, dann muß man das so hinnehmen. Solche Herausforderungen werden durch die Verkehrsbetriebe ausgesessen, statt sinnvoll und womöglich noch kundenorientiert zu handeln. Wenn zwischen Duisburg und Hamm eh kein Zug verkehrt wäre es ja auch unverhältnismäßig einen der zig vor sich hin gammelnden Züge im Dortmunder Depot (oder welchem Depot auch immer) zeitnah zu reaktivieren um das Melkvieh den zahlenden Kunden vom Bahnhof wegzutransportieren.
Diese Abhängigkeit gleicht auf Dauer einem Psychoterror. Mich begleitet diese Grenzerfahrung nun seit fast 15 Jahren nahezu tagtäglich. Sicher, es gibt Tage, an denen alles ungewohnt ruhig und befriedigend verläuft und man einen gewissen Mehr- und Unterhaltungswert im Pendeln sieht, aber rückblickend auf die vergangenen Jahre überwiegt die Erkenntnis, daß der Nahverkehr vornehmlich nervenzehrende Nachteile mit sich bringt. Er dient letztlich nur als Mittel zum Zweck – dem Erreichen des Zielorts innerhalb einer stark variierenden Zeitspanne.
Ich behauptete, es gäbe keine Alternative, außer dem – für mich zur Zeit nicht verfügbaren – Individualverkehr. Aber, aber … wird da manch einer anmerken:
(..) eine Alternative stellt ein Umzug nach Dortmund nicht dar. (..)
Der Vorschlag seinen Wohnsitz der Arbeitsstätte anzugleichen wurde von mir mehrfach durch verschiedene Hinweise abgekanzelt.
Mir wurde in den letzten Tagen ein weiterer Aspekt deutlich vor Augen geführt. Ein Umzug löst das Problem der Nahverkehrsnutzung nicht. Auch in Dortmund wäre man vornehmlich auf das ortsgebunden Angebot der DSW21 angewiesen. Gegenüber dem Schienenverkehr der DSW21 oder des GlobalPlayers Deutsche Bahn mit vorbildlichen Anzeigetafeln, welche über außerplanmäßige Verzögerungen informieren, sind nur die allerwenigsten Bushaltestellen mit solch technischen Finessen ausgestattet. So kann das Warten auf einen Linienbus schon mal zum Lottospiel werden.
Wenn man darüber hinaus noch Termine einhalten muß, welche die An- und Abreise mit dem öffentlichen Nahverkehr beinhalten, so kann – auch mit großzügiger Einplanung aller Eventualitäten – niemand garantieren, daß man den Termin zeitgemäß einhalten kann. Wie groß mag die Zeitspanne sein, die man sich entsprechend vorhalten muss, um kleinere und größere Abweichungen vom “Fahrplan” auffangen zu können? Und wie mag man diese Zeit möglicherweise produktiv nutzen “sinnlos verplempern“?
Sicher, wer in den letzten Monaten mein Blog aufmerksam verfolgt hat, der wird stöhnen: Immer dieses unverhältnismäßige Gemeckere über den Nahverkehr. Es macht auf Dauer sicherlich auch diesen Eindruck – das Problem ist nur, es sind Erfahrungen, die nicht nur ich regelmäßig erleben darf. Das ich in den bisherigen vier Arbeitstagen diesen Jahres nicht einmal pünktlich meine Arbeitsstätte erreicht habe ist ein zu vernachlässigender Kollateralschaden. Diesen Umstand verdanke ich übrigens in erster Linie den Stadtwerken Hamm, deren Busfahrer offensichtlich das Bewegen von Omnibussen bei Temperaturen um den Nullpunkt verlernt haben.
An dieser Stelle werde ich mich aber wichtigeren Dingen widtmen als dem tiefsinnigen Sinnieren darüber, “warum ich mir das eigentlich antue“: Ich werde meinen werten Klassenlehrer davon in Kenntniss setzen, daß ich keine Garantie abgeben kann, wann ich morgen den Berufsschulunterricht erreichen werde.
* Minimale Abweichung von 25 bis 50 Minuten


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